Spürnasenecke - auf der Suche nach Talenten

»Meine Tochter ist ein Talent - sie spielt so schön Klavier«, sagt die Mutter. »Wie haben Sie denn das Talent Ihrer Tochter entdeckt?«, wird sie daraufhin gefragt. »Na sie spielt so schön Klavier.« Und auf die erneute Frage, warum sie meine, dass ihre Tochter so schön Klavier spielen kann erwidert die Mutter:

»Das habe ich Ihnen doch gerade gesagt - sie ist ein Talent!« Was ein Talent genau ist, weiß ich nicht. Ich meine, jeder Mensch hat individuelle genetische Leistungsvoraussetzungen. Die sind aber nichts wert, wenn man sie nicht entdeckt und durch harte Arbeit (üben, üben, üben) in eine besondere Leistung = Erfolg umsetzt. Der Mensch ist auf seine Gene nicht reduzierbar - er ist das Produkt aus der Wechselwirkung zwischen Genetik und Umwelt. Gene sind nur Bleistift und Papier, aber die Geschichte schreibt jeder selbst. Welche genetischen Leistungsvoraussetzungen ein Mädchen braucht, um gut Klavier zu spielen - ich habe keine Ahnung. Eines weiß ich aber sicher: Wenn dieses Kind nicht auf ein Klavier trifft und motiviert werden kann zu üben, wird es nie gut Klavier spielen können. Wohingegen das bei Themen wie z.B. Musik oder Sport vollkommen akzeptiert ist (je eher das Kind in Kontakt mit einem Fußball kommt, umso eher wird ein Lionel Messi daraus), ist das für den Bereich Naturwissenschaften vielleicht nicht so klar oder bekannt. Es gilt aber natürlich allgemein: Je früher man Kindern die Chance bietet, ihr Interesse, ihre Begeisterung, ihre Neigung und Begabung für bestimmte Bereiche zu entdecken und zu entfalten, umso besser ist es. Man muss begeistert und dankbar darüber sein, dass das Projekt "Spürnasenecke" solche Chancen für die wichtigste Komponente der Zukunft, für die Talente der nächsten Generation, ermöglicht.

 

Univ.-Prof. Mag. Dr. Markus Hengstschläger
Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik
Organisationseinheitsleiter des Zentrums für Pathobiochemie und Genetik

 

 

 

Markus Hengstschläger promovierte mit 24 Jahren mit Studienverkürzung und Auszeichnung zum Doktor der Genetik. Danach arbeitete er an der Yale University in den USA, wurde mit 29 Jahren außerordentlicher Universitätsprofessor und wurde mit 35 Jahren zum Universitätsprofessor berufen. Heute leitet er das Institut für Medizinische Genetik an der Medizinischen Universität Wien. Der vielfach ausgezeichnete und international anerkannte Wissenschafter unterrichtet seit über zwei Jahrzehnten Studierende, betreut Patienten und berät Regierungen und Firmen. Er sitzt in mehreren Aufsichtsräten, ist u.a. stellv. Vorsitzender der österreichischen Bioethikkommission, stellv. Vorsitzender des österreichischen Rats für Forschung und Technologieentwicklung, Mitglied des Universitätsrats der Universität Linz und Leiter des Think-Tanks Academia Superior. Hengstschläger ist außerdem Wissenschaftsmoderator bei ORF Radio Ö1 und Autor von drei Platz 1 Bestsellern ("Die Macht der Gene", "Endlich unendlich" und "Die Durchschnittsfalle"), die auch jeweils zu den beliebtesten Sachbüchern des Jahres gewählt wurden.