Forschen und Experimentieren mit Kindergartenkindern

Meine sechsjährige Tochter fragte mich neulich, ob wir einen Vogel in einem Käfig kaufen könnten. Ich verneinte, mit der Begründung, der Vogel täte mir dann leid. Nach langer Überlegung meinte schließlich meine Tochter: "Dann sollten wir ein Vogelei in einem Käfig kaufen. Weil wenn der Vogel dann schlüpft, glaubt er, sein Käfig ist die ganze Welt!"

Wer Kinder hat und/oder mit ihnen arbeitet, weiß, dass sie von Natur aus geborene ForscherInnen und PhilosophInnen sind! Der Anfang der Philosophie ist das Staunen (Aristoteles). Dieses Staunen über die Welt und ihre Phänomene liegt in der menschlichen Natur. Kinder kommen bereits neugierig zur Welt, beobachten ihre Umwelt ganz genau und stellen uns Fragen wie "Warum färben sich die Blätter im Herbst rot?" oder "Wie funktioniert eine Batterie?", die ohne fachlichen Hintergrund gar nicht leicht zu beantworten sind.

Dieses natürliche Interesse der Kinder an den Naturwissenschaften gilt es aufzugreifen und zu fördern. Studien zeigen, dass Kinder, die früh an die Naturwissenschaften herangeführt werden, dadurch bereits erstaunliche Erkenntnisse gewinnen und Denkstrategien entwickeln können (vgl. Lück 2009, 50-55, 86-90).

Darüber hinaus findet Forschen im Kindergarten außerhalb des klassischen Schul- und Bildungssystems statt und unterliegt daher keinem direkten Leistungs- und Beurteilungsdruck. Gerade Kindergartenkinder lernen lustbetont und aus eigenem Antrieb heraus. Selbständiges Experimentieren ist bei Kindern mit starken Emotionen verbunden, dies führt Erkenntnissen der Neurobiologie zufolge zu dauerhaften Lernerfolgen (vgl. Lück 2009, 20-29, 68-77).

Solch früh erworbenes alltagsrelevantes Wissen lässt diverse "Berührungsängste" mit den Naturwissenschaften gar nicht erst entstehen und kann somit auch den schulischen Bildungserfolg und die spätere Berufswahl beeinflussen. Weiters bietet eine frühe technische Bildung den Heranwachsenden Orientierung in einer immer komplexer werdenden, hoch technisierten Welt

Was ist die Spürnasenecke

Bei der Spürnasenecke handelt es sich um eine Einrichtung zum Forschen und Experimentieren mit Kindergartenkindern. Sie beinhaltet eigens dafür an der FH Kuchl entwickelte Möbel, verschiedenste Forscherutensilien aus den Themengebieten Biologie, Chemie, Physik und Technik und eine pädagogische Einschulung/Weiterbildung der PädagogInnen. 

Das Projekt wurde 2010 mit Unterstützung des in Grödig ansässigen Medizintechnikunternehmens TECAN ins Leben gerufen und seither von verschiedensten Sponsoren gefördert. Seit 2016 tritt W&H Dentalwerk Bürmoos als Hauptsponsor auf und finanziert die stetige Weiterentwicklung der Spürnasenecke. 

Selbstverständlich ist die Arbeit im Bildungsbereich "Natur und Technik" ein fixer Bestandteil in jeder vorschulischen Bildungseinrichtung. Der Vorteil der Spürnasenecke liegt allerdings darin, dass alle Materialien und Experimentieranleitungen an einem Platz vorzufinden sind. Dadurch kann mit geringer Vorbereitungszeit gleich mit dem Experimentieren losgelegt werden. Für die meisten Versuche reichen billige Haushaltsmaterialien, aber dank der Sponsoren können Kindergärten jetzt auch mit zum Teil sehr teuren Forscherutensilien (wie Mikroskop, Lupe, Terrarium etc.) arbeiten. 

Wieviel Raum ich einem Bereich im Kindergarten zur Verfügung stelle, transportiert Wertigkeit: Während Bauecke, Familienspielbereich und Malatelier in den meisten Kindergärten fest verankert sind, so findet man noch selten Forscherlabore, in denen die Kinder ihrem Forscherdrang freien Lauf lassen können. Das Konzept der Spürnasenecke eignet sich daher besonders für Häuser mit offenem oder teil- offenem Konzept.

Forschen und Experimentieren in der Spürnasenecke

Die Spürnasenecke ist sowohl für selbstbestimmte als auch für angeleitete Aktivitäten der Kinder hervorragend geeignet. Fragestellungen, die in der Gruppe gerade eine Rolle spielen oder Dinge, mit denen sich die Kinder beschäftigen, können in der Spürnasenecke aufgegriffen werden. 

Kinder lieben Rituale. Bei angeleiteten Aktivitäten empfehlen wir daher, bestimmte Riten zu entwickeln, die immer gleich durchgeführt werden. So können die Kinder z.B. (trotz der Ungefährlichkeit der Versuche) im wahrsten Sinne des Wortes in die Rolle des Forschers/der Forscherin schlüpfen, indem sie vor dem Experimentieren Schutzmäntel (Forschermäntel) anziehen. Auch unser neues weibliches Maskottchen Elli, das Experimentier-Eichhörnchen, kann beim Einstieg motivierend zum Einsatz kommen. Alle Versuche sollen vom Pädagogen/von der Pädagogin vorher selbst durchgeführt werden, damit ein zuverlässiges Gelingen gewährleistet ist. Grundsätzlich sind natürlich alle Experimente von uns so ausgewählt, dass sie nicht nur beim Durchführen mit der geübten Hand eines Erwachsenen gelingen, sondern von den Kindern selbst erfolgreich ausgeführt werden können. Neben den sogenannten "Fernsinnen", wie Sehen, Hören und Riechen, werden durch die Selbsttätigkeit auch "Nahsinne", vor allem der taktilo-kinästhetische Sinn, angesprochen. Dabei muss die begrenzte Konzentrationsfähigkeit der Kinder als limitierender Zeitfaktor bedacht werden. Bis auf wenige Langzeitexperimente (z.B. Wachstumsversuche von Bohnen, die Metamorphose eines Schmetterlings etc.) sind die meisten Experimente in einem überschaubaren Zeitraum durchführbar, um die Aufmerksamkeitsfähigkeit der Kinder nicht zu überfordern. 

Die kindgerechte aber sachrichtige Deutung des naturwissenschaftlichen Hintergrundes ist der Kern einer erfolgreichen Naturwissenschaftsvermittlung! Während des Experimentierens können die Kinder, wie WissenschaftlerInnen auch, eigene Hypothesen aufstellen und wieder verwerfen. Der gelungenen Durchführung eines Experiments muss anschließend stets eine gemeinsame Reflexion mit den Kindern folgen. In diesen naturwissenschaftlichen Gesprächen sind auch Animismen (z.B. "Die Kerze frisst die Luft") als bewusst eingesetzte didaktische Mittel gut geeignet (vgl. Lück 2009, 96-103, 150). 

Wissenschaftliches Experimentieren sollte niemals einer "Zaubershow" ähneln. Entsteht für die Kinder nämlich der Eindruck von "Zauberei", so ist der Ausgang eines Experiments für das Kind nicht mehr kalkulierbar, wodurch Angst entstehen kann. Das Verstehen von Zusammenhängen stellt die Basis einer vorurteilsfreien Begegnung mit den Naturwissenschaften dar. Untersuchungen zur Erinnerungsfähigkeit zeigen, dass die Deutung eines Versuches deutlich besser im Gedächtnis bleibt, wenn der Ablauf des Experiments verstanden worden ist (vgl. Lück 2009, 150). 

Die vorrangige Verwendung von alltäglichen Haushaltsmaterialien erleichtert es den Kindern, einen Alltagsbezug herzustellen. Dadurch wird das Verständnis des Experiments gefördert und die Kinder können den Versuch zumeist mit ihren Eltern zu Hause wiederholen. Wenn Kinder Phänomene aus ihrem Alltag bereits kennen oder nach der Durchführung eines Experiments wiederfinden, fördert dies den Transfer von Wissen (vgl. Lück 2009, 151). 

Genaues Beobachten ist eine wichtige Grundlage beim Forschen und eine Voraussetzung für die spätere Deutung des Experiments. Hierbei sollte den Kindern genug Zeit für das "Sich-ganz-und- gar-Einlassen" auf das Naturphänomen gegeben werden (z.B. staunen, wie sich ein Würfelzucker in Wasser auflöst etc.) (vgl. Lück 2009, 106-121). 

Bei der Auswahl der Experimente gilt grundsätzlich: vom Einfachen zum Komplexen. Die Wiederholung des bereits Erfahrenen festigt einerseits erworbenes Wissen, andererseits lernen die Kinder, dass ein sich so angeeignetes Erklärungskonzept auf eine Vielzahl beobachtbarer Phänomene übertragbar ist. Nach einer abgeschlossenen Experimentierreihe kann den Kindern zum Beispiel ein "Forscherdiplom" (oder je nach Thema ein "Feuerdiplom" etc.) ausgestellt werden. 

Trotz teils "rezeptartiger" Experimentieranleitungen ist es wichtig, sich eine gewisse "Offenheit" zu bewahren: Das neugierige Kind mit seinen Ideen sollte stets im Vordergrund stehen. Hierfür ist es unbedingt notwendig, den Kindern ausreichend Zeit und Raum zur Verfügung zu stellen, sich selbstbestimmt mit den verschiedenen Materialien forschend auseinanderzusetzen. Das Interesse von Kindergartenkindern an den Naturwissenschaften ist also groß. Groß sind auch die familiären Unterschiede, ob die Kinder von jemandem an der Hand genommen werden, der mit ihnen gemeinsam den Dingen auf den Grund geht. Mit Projekten wie der Spürnasenecke hoffen wir daher auch, einen Schritt in Richtung Chancengleichheit zu gehen, damit alle Kinder ihre persönlichen Stärken gleichermaßen entfalten können. 

In diesem Sinne freuen wir uns, Ihnen unser neues Spürnasenecke- Handbuch überreichen zu dürfen! Dank der Mitarbeit zahlreicher PädagogInnen und der Rückmeldungen begeisterter Eltern kamen viele neue Experimente dazu, andere wurden verbessert, verworfen oder ausgetauscht. 

Viel Freude beim Experimentieren wünscht Ihnen 

Bernadette Unger

 

Quelle: Lück Gisela: Handbuch der naturwissenschaftlichen Bildung, Verlag Herder; 2. Auflage 2009Gisela Lück" Forschen mit Fred-Naturwissenschaften im Kindergarten" Handbuch, Finken-Verlag GmbH Postfach 1546 61405, Oberursel http://www.finken.de